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29. Juni 2017

Mit Geovisualisierung Geschichte schreiben

«KleioLab» bietet ein Tool an, mit dem sich der Wandel von Königreichen und Klöstern auf der Karte animiert abbilden lässt. Jonas Schneider und seine beiden Geschäftspartner wurden vom Business Parc bei der Umsetzung dieser Innovation unterstützt.

«KleioLab» – der Name ist Programm. Kleio hiess die griechische Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung. Und in der Tat verarbeitet das Startup «im Labor» spannenden «Stoff» aus der Vergangenheit: Er handelt beispielweise von klösterlichen Territorien, deren Ausbreitung sich auf der Karte zurückverfolgen lässt. Ein anderes Beispiel sind Skelette, die vom Friedhof eines ehemaligen Spitals stammen. Anhand der Patientenakten aus dem Staatsarchiv liesse sich ein Bezug zwischen den Krankheitsbildern der Verstorbenen und den Lebensbedingungen in ihrem Wohnquartier herstellen.

Steven Spielberg lässt grüssen
Was eine fantastische Filmvorlage für Steven Spielberg abgebe, hat also einen seriösen wissenschaftlichen Hintergrund: In beiden Fällen geht es darum, für Forschungszwecke spezifische Fragen zu stellen, dazu gezielte Daten zusammen zu tragen, Zusammenhänge herzustellen und die gewünschten Entwicklungen auf dem PC zu visualisieren. «Bisher fehlte ein Werkzeug, mit dem sich historische Informationen in ihrer räumlichen und zeitlichen Dimension präsentieren bzw. integrieren lassen», erklärt Jonas Schneider, CEO von KleioLab. Auch decken Bücher und Karten immer nur einen begrenzten Zeitabschnitt ab. Die Lösung: Die IT als Bindeglied.

Vision an der Uni
Jonas Schneider (Einzelfoto), studierte Geschichte und Geoinformatik. Schon an der Uni verknüpfte er beide Bereiche miteinander, was eher unüblich ist. Damals hatte er eine Vision, der er seine Abschlussarbeit widmete. Seit seiner Festanstellung beim Historischen Lexikon der Schweiz arbeitete er am Prototypen der heutigen Lösung. Der Arbeitgeber, bei dem er teilzeittätig ist, ermöglichte ihm die Entwicklung dieses Projekts, das 2016. ausgelagert und Jonas Schneider überlassen wurde. Für ihn bot sich damit die Chance, «ein breiter genutztes Produkt auf den Markt zu bringen». Für die Umsetzung seiner innovativen Geschäftsidee wählte er den Schritt in die Selbständigkeit, musste sich dazu aber personell verstärken.

Auf David Knecht (Gruppenfoto Mitte) stiess er während eines Studentenaustauschs in Granada und war sofort beeindruckt vom unternehmerischen Talent des Ökonomen. Francesco Beretta (Gruppenfoto links) lernte Joas Schneider an einer Fachtagung kennen. Mit dem Historiker und Datenwissenschaftler kam letzten Oktober ein «Crack» mit an Bord, der mit ebensolcher Begeisterung das Erfassen wissenschaftlicher Daten verfolgt und dazu innovative Modelle entwickelt. Die Rollen unter den drei Geschäftspartnern waren damit klar verteilt.

Business Modell geschärft
Die angehenden Jungunternehmer klopften mit ihrer Geschäftsidee und dem Prototypen beim Business Parc an. Hier ermutigte man sie zur Umsetzung und begleitete sie in diesem Prozess: «Unser Coach unterstützte uns dabei, das Business Modell zu schärfen sowie den Business Plan zu erarbeiten und zu strukturieren. Die von uns formulieren Ziele und das Konzept haben wir (bis auf das Pricing) alles realisiert». Jonas Schneider schätzt, im Gründerzentrum eine gute Hilfe zur Selbsthilfe bekommen zu haben. Über Startups.ch erledigte David Knecht schliesslich fix die Gründungsformalitäten. Letzten Februar ging ihr Unternehmen an den Start.

Wikipedia und Open Street Map in einem
Die KleioLab GmbH bietet IT-Leistungen und Software im Bereich der Geschichtsforschung an: «eine historisch-geographische Kombination aus Google Maps und Facebook zur Abbildung der Vergangenheit», fasst Schneider das Tool zusammen. Mit Geovistory lasse sich die Entwicklung von Königreichen oder Kirchen bewegt auf einer Karte darstellen und am Computer verfolgen. «Eine interaktive geographische Visualisierung macht die Entwicklung historischer Zusammenhänge im Wandel der Zeit auf neue Weise animier- und erfahrbar», schildert er stolz die USP der Dienstleistung: «Mit dieser neuen Art, historisches Wissen systematisch, strukturiert und kollaborativ in Datenbanken zu erfassen, zu visualisieren und vermitteln, differenzieren wir uns. Dabei betreibt die Community, die vorläufig aus historisch Interessierten Laien und Forschenden besteht, im Grunde wie bei Wikipedia und der Open Street Map Crowd-Sourcing, indem sie gemeinsam Daten erfasst, diskutiert, deren Qualität verbessert und schliesslich der Öffentlichkeit präsentiert.»

Das Tool ist ausbaufähig und soll später weitere Leistungen ermöglichen. «So lassen sich die Geovisualisierungen in Webseiten einbetten, um erklärende Texte ergänzen und als attraktive Stories aufgemacht einfach publizieren. Das ist erst die Spitze des Eisbergs», schwärmt Jonas Schneider.

Für Forschungsprojekte und Archive
Forschungsprojekte und Archive gehören zu den potenziellen Kunden und Partnern. Sie definieren die historische Ausgangsfrage und leisten dazu die aufwändige Vorarbeit: In einem ersten Schritt gilt es, mit Akribie handgeschriebene und damit nicht immer einfach zu entziffernde Manuskripte zu transkribieren. So überträgt ein Team von 15 freiwilligen Rentnern die Patientenakten/Krankheitsbefunde der aufgefundenen Skelette. Komplex ist auch die Recherche, beispielweise auf der Suche nach dem Grundbesitz der damaligen Landesherren im aargauischen Muri und den historisch veränderten Besitzverhältnissen. «Die relevanten Informationen sind meist über ganz viele verschiedene Quellen verstreut und müssen von den Wissenschaftlern gefunden, interpretiert und so genannt annotiert/zugeteilt werden», erklärt Jonas Schneider. Geovistory unterstützt sie dabei, von Hand Hunderte von Datenbankeinträge zu machen.
Bereits hat KleioLab den einen Auftrag abgeschlossen und ist am zweiten Projekt beteiligt: Die feste Einbindung im Pilotversuch (mit dem Staatsarchiv) wäre der perfekte Start für ihre Firma.

Selbst bestimmen
Jonas Schneider gefällt die Selbständigkeit und die damit gewonnene Selbstbestimmung. Um die IT, die Buchhaltung und das Marketing kümmern sich die drei dynamischen Jungunternehmer bisher selbst. Der Business Parc in Reinach kam als Firmensitz nicht in Frage, weil David Knecht mit dem Zug nach Basel pendelt. Da war ein Standort in der Nähe des Bahnhofs gefragt. Den fanden sie in der Liegenschaft von Jonas Schneiders Grossvater, einem Architekten, der im «Gundeli» sein Büro hatte und jetzt ab und zu von seiner Wohnung dort das Start-ups besucht.

In ihren Geschäftsräumen arbeiten die Drei an der Fertigstellung ihres Produkts. Eine Herausforderung ist, die Anwendung so generisch zu gestalten, dass es für möglichst viele Abnehmer passt. Im Januar 2018 soll die erste öffentliche Version stehen. Ziel ist, Software-as-a-Service-Lizenzen über die Wolke/Cloud zur Nutzung anzubieten und die Kunden (bei der Anwendung) zu begleiten, beraten und schulen. Am Ende schwebt Jonas Schneider, dem «Digital Humanist», ein grosser historischer Wissenspool, eine stabile Daten-Austausch-Plattform vor, die von der Community getragen wird. Kathrin Cuomo-Sachsse